Die Startup-Szene: Eine reine Männerdomäne?

Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges getan hat und Frauen immer häufiger Positionen in den deutschen Führungsebenen besetzen, besteht immer noch Kritik über existierende Barrieren für Frauen am Arbeitsplatz. Vor allem in der Startup-Szene sollen Frauen laut dem European Startup Monitor deutlich in der Unterzahl sein. Lediglich 13 % der Gründer in Deutschland sind weiblich. Aber wie sieht es in der Realität aus? Besteht tatsächlich immer noch ein derartiges Ungleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Entrepreneuren in der Startup-Welt oder verändern sich die Dinge gerade?

Diese und viele weitere Fragen haben wir bei unserer HeavenHR Speaker Series Vol. 3 in einer offenen Gesprächsrunde mit unseren Referentinnen thematisiert und freuen uns darüber, Teil dieses sehr inspirierenden Abends gewesen zu sein. Das Publikum erhielt sehr ehrliche und spannende Einblicke in die Erfahrungen, die die Entrepreneurinnen auf ihrem Karriereweg und in der Startup-Welt gemacht haben. Für die unter Ihnen, die es nicht zum Event geschafft haben oder einfach noch mal den Abend Revue passieren möchten, ist hier die Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte:

Annemarie Heyl, Co-Founder & COO von Kale&Me

Annemarie HeylDie Idee zur Gründung von Kale&Me kam Annemarie während eines Auslandssemsters in Südafrika, wo sie vermehrt auf die natürliche Produktion von Getränken gestoßen ist. Zusammen mit Freunden eröffnete sie daraufhin nach längerer Planung einen Online Store für frisch gepresste Säfte, die aus heimischen Zutaten bestehen und zu einem wettbewerbsfähigen Preis angeboten werden. Als Gründer und Geschäftsführer eines Unternehmens hat man die Möglichkeit selbst zu entscheiden, welchen Weg man gehen und mit wem man arbeiten möchte – für Annemarie Privileg und Verantwortung zugleich. Um dies bestmöglich zu meistern empfiehlt sie die Evaluation von sowohl den Höhen, als auch den Tiefen. Als Führungskraft musste sie dies auch im Bezug auf die Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitern lernen. Persönliche Beziehungen dürfen nicht zu stark in den Vordergrund rücken und eine objektive Bewertung verhindern. Alle Team-Mitglieder sind gleich und sollten auf derselben Grundlage ihr Feedback erhalten.

Wesenszüge wie beispielsweise eine starke emotionale Ader oder Leidenschaft für das, was man tut, nehmen Einfluss auf die Art und Weise wie man Dinge in die Hand nimmt und mit ihnen umgeht. Die Startup-Szene ermöglicht einem genau diese Freiheit, so zu sein wie man ist, und sorgt dafür, dass Frauen sich nicht in der Position fühlen, sich verstellen zu müssen, um ähnliche berufliche Ziele zu erreichen wie ihre männlichen Mitstreiter. Jeder kann sich über seine eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen bewusst werden und diese bestmöglich einsetzen. So kann sowohl die etwas rationalere, diplomatischere Herangehensweise erfolgreich sein, als auch ein weicherer, emotionaler Stil. Die regelmäßigen Feedback-Runden helfen dabei, besser zu verstehen, wie der andere tickt und was seine Vision ist.

Antonia Albert, Co-Founder & MD von Careship

Antonia Albert hat ihre Karriere alsAntonia Albert Business Development Managerin bei dem Kreditmarktplatz Lendico gestartet, von dem sie später zu Zalando gewechselt ist. In dieser Zeit konnte sie im Hinblick auf die darauffolgende Gründung ihres Unternehmens Careship zahlreiche Erfahrungen für sich gewinnen. Jeder kocht mit dem gleichen Wasser gehört mit zu ihren wichtigsten Erkenntnissen und half ihr dabei deutlich mehr an sich selbst und ihr Können zu glauben. In der Art und Weise wie man ein Unternehmen führt gibt es für Antonia keine eindeutige Antwort; es gibt viele unterschiedliche Wege erfolgreich zu sein, dabei muss jeder den für sich richtigen finden. Hohe Ambitionen und Ansprüche an die Mitarbeiter sind nicht verkehrt, jedoch sollten diese nicht in einer „Ohne Rücksicht auf Verluste“-Manier eiskalt durchgesetzt werden. Für Antonia ist vor allem der Glaube an die eigene Idee und die Zusammenarbeit mit den richtigen Leuten von hoher Bedeutung.

Der Austausch mit anderen Gründerinnen ist für Antonia eine sehr bereichende Initiative. In Gesprächsrunden wie diesen profitiert jeder von der Ehrlichkeit der Anderen, denn im Endeffekt sitzen doch alle irgendwie im gleichen Boot. Wenn man ein Unternehmen gründet sind es oft ähnliche Hürden, die man bewältigen muss, steht ähnlichen Herausforderungen gegenüber und teilt sowohl Erfolge, als auch Niederlagen. All diese Erfahrungen können unbefangen geteilt werden und geben einem die Möglichkeit, voneinander zu lernen. Vorbilder mit denen man sich identifizieren kann sind gerade in der Anfangsphase wesentliche Stützpunkte.

Videesha Kunkulagunta, Principal von Redstone Digital

Videesha KunkulaguntaVideesha ist als Kapitalgeberin bei einem Berliner Venture Capital Unternehmen tätig, das mit den Marktführern aus diversen Branchen zusammenarbeitet, um Gründer finanziell und in ihrem Netzwerk zu unterstützen. Dass nur 7 % der Partner bei Risikokapitalgebern Frauen sind, hat für Videesha unterschiedliche Gründe. Allen voran ist zu beachten, dass das Venture Capital Berufsfeld in Deutschland im Vergleich zu dem in den USA noch relativ jung ist und die statistische Zahl lediglich ein Produkt der letzten Jahrzehnte ist. In der Branche tut sich derzeit einiges und ein neuer frischer Wind vieler weiblicher Akademikerinnen steht in den Startlöchern. Dennoch ist es oft noch so, dass Frauen sich ab einem gewissen Punkt selbst bremsen und sagen „bis hier hin und nicht weiter“. Wenn man bereits einiges erreicht hat entsteht oft die Annahme, dass es irgendwo eine Grenze geben muss und man diese nicht mehr überqueren kann; Frauen ziehen diese für sich deutlich früher. Hinzu kommt das fehlende Bewusstsein dafür, dass die Rolle der weiblichen Führungskraft ebenfalls existiert und es bereits viele Frauen in hohen Positionen gibt, die als Vorbilder fungieren.

Der Unterschied in der Art und Weise wie man seine beruflichen Ziele erreicht, wie man sich in Verhandlungen verhält und ein Team leitet, liegt mehr in der Natur des Menschen und in seinem Temperament und nicht in der Frage seines Geschlechts. Auf ihrem Weg zu ihrer heutigen Position hat Videesha die weitaus rationalere und diplomatischere Richtung eingeschlagen und sich immer über ihre Kompetenzen und Performance definiert. Ob sie im Recruiting-Prozess selbst mehr Fokus auf weibliche Talente legt? Wir suchen nach den besten Leuten mit dem optimalen Anforderungsprofil für die entsprechenden Positionen, handelt es sich dabei um eine Frau, ist das super; sollte dies nicht der Fall sein, ist das ebenfalls okay. Was zählt ist die Frage, ob sie oder er die oder der Richtige für die Position ist. Und genauso erwartet sie es auch von ihrem Umfeld. Situationen, in denen sie nicht aufgrund ihrer Qualifikationen, sondern mehr aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft oder ähnlichem „Nutzen“ miteinbezogen wird, vermeidet sie. Ich möchte nicht als weibliche VC betitelt werden, sondern einfach als „Venture Capitalist“, denn das ist auch das, was ich bin.

Verena Hubertz, Co-Founder & MD von Kitchen Stories

Verena kam nachdem sie ihr Studium an derVerena Hubertz WHU abgeschlossen hat nach Berlin, um ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Sie und ihre Freundin, mit der sie später das Unternehmen Kitchen Stories gegründet hat, teilten schon damals eine ähnliche Leidenschaft zum Kochen und Essen. Nachdem sie über einen längeren Zeitraum viele unterschiedliche Inspirationen durchlebt haben, entstand schlussendlich die Idee der benutzerfreundlichen Koch-App mit lehrreichen Videoclips, informativen Artikeln und praktischen Koch- und Rezepttipps. Man hat nicht viel zu verlieren, wenn man gerade erst frisch sein Studium beendet hat und am Anfang steht. Ihr Rat an die Frauenwelt: Einfach mal machen und keine Angst vor dem Scheitern haben. In der der Position als Führungskraft ist eins ihrer „Top Learnings“, dass es nie möglich ist „zu viel“ zu kommunizieren. Die ehrliche und offene Kommunikationen mit allen Mitarbeitern unabhängig von ihrer beruflichen Stellung ist die Grundlage für ein ehrliches und transparentes Arbeitsverhältnis. Der Gedanke, dass sie sich als Frau in der Führungsposition in der Minderheit befinden könnte, kam ihr nie. In meiner Traumwelt ist das kein Thema mehr, auch wenn aus PR-Gründen viele oft noch über „Female Entrepreneurship“ diskutieren.

— Tipps für Gehaltsverhandlungen gab es von Videesha:

› Rationalität anstelle von Emotionalität

Die Balance zwischen einer diplomatischen und dennoch nicht zu offensiven Verhaltensweise ist das A & O. In Verhandlungssituationen wird man mit einer rationalen Handlungsweise und einer fundierten Argumentation ganz anders wahrgenommen und kann weitaus mehr erreichen, als bei einer Debatte auf emotionaler Ebene.

› Zahlen & Fakten parat haben

Für eine optimale Ausgangssituation ist eine grundlegende Auseinandersetzung aktueller Statistiken und Studien im Voraus durchaus sinnvoll. Wie hoch ist das aktuelle Durchschnittsgehalt meiner Position und wie sieht die aktuelle Marktsituation aus? Genauso sollten Leistungskennzahlen des Unternehmens geprüft werden und welche Kosten entstehen könnten, sollten man sich dafür entscheiden nicht weiter in diesem Unternehmen zu bleiben.

› Bewusstsein der eigenen Kompetenzen

Was sind meine Qualifikationen und welchen Benefit bringe ich dem Unternehmen? Bin ich für das Unternehmen unentbehrlich? Gibt es noch jemanden mit den Fähigkeiten, die ich besitze? Man sollte wissen wo die eigenen Stärken (und auch Schwächen) liegen, worüber sich das eigene Alleinstellungsmerkmal definiert und auch selbst davon überzeugt sein.

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— Ob sich die weiblichen Entrepreneurinnen jemals aufgrund Ihres jungen Alters, Geschlechts oder ähnlichem nicht ernst genommen gefühlt haben?

Nicht wirklich. In der Start-up-Szene begebt man sich in eine Welt, in der man die Möglichkeit erhält, seine Visionen und Ideen zu verwirklichen und das zu tun, was man liebt. Solange man an seinen Ambitionen hält und dafür hart arbeitet, hat jeder die Möglichkeit sich durchzusetzen. Ist man Gründer wird man auch als dieser wahrgenommen, unabhängig vom Alter oder Geschlecht. Vielmehr spielt es eine Rolle, was man bisher gemacht hat, was man erreicht hat und hinter welcher Vision man als CEO steht.

— Was unsere Referentinnen tun würden, wenn Sie gar kein Angstgefühl besäßen?

Von der Farmer-Karriere über zu einer Anlage eigener Investmentfonds bis hin zum mutigeren und selbstsicheren Auftreten bei zukünftigen Finanzierungsrunden teilten die Referentinnen ganz unterschiedliche, spannende Erfahrungen und Träume mit dem Publikum.


Wir freuen uns über eine ganz besondere Runde am Mittwochabend und möchten uns sowohl bei den Speakern, als auch bei Lana Wittig (Sales und Marketing Mangerin bei Edition F), für das sehr offene Gespräch und die kompetente Moderation herzlich bedanken. Folgen Sie uns für Updates zum nächste Event der HeavenHR Speaker Series auf Facebook und Twitter.

 

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