Digitalisierung – We all believe in Mittelstand

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Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist der Mittelstand. Digitalisierung ist ein Prozess, der längst allgegenwärtig ist. Aber wie weit ist die Digitalisierung im deutschen Mittelstand überhaupt, kommt sie schnell genug voran oder ist sie sogar schon abgeschlossen?

Geht es bei der Digitalisierung darum, die alteingesessenen Wirtschaft zu verändern, die sich aus Angst dagegen sträubt? Oder geht es vielmehr darum sie zu optimieren?

Um diese Fragen zu besprechen, haben wir zusammen mit Mali M. Baum von Wlounge am 21. Juni 2018 im Berlin Capital Club folgende Speaker zu einer Panel-Diskussion mit dem Titel “Digitalisierung leicht gemacht  Innovation effizient nutzen & integrieren” eingeladen:

Claudia Alsdorf, Head of Innovation, KPMG

Justine Powell, MD, Handelsblatt Media Group | Berlin

Nikolaus Widmann, MD, Kofler Energies Italia & Change Management, Kofler Energies AG

Ange Royall-Kahin, Digitalisierungs Expertin Produktion & Fertigung & ehem. Chief of Staff, WATTX

Vincent Pfautsch, CEO, pksystems

Darius Moeini, Co-Founder & Digitalisierungs Experte, Numa Berlin

Anna Juliana KletzmayrHeavenHR

Hier finden Sie einen Mitschnitt zur Panel-Diskussion mit allen Highlights:

Auf welchem Stand ist also die Digitalisierung im deutschen Mittelstand? Die meisten Unternehmen wissen schlicht und einfach nicht genau wo exakt die Ineffizienzen liegen, warum es Veränderung bedarf und wie sie angegangen werden muss. Während des Panels wurden verschiedene Lösungsansätze und Ansichten diskutiert, dabei waren natürlich nicht immer alle einer Meinung.

“Meiner Meinung nach ist die Digitalisierung in Deutschland längst abgeschlossen. Zumindest was die Technologie betrifft. Die Struktur der Arbeitsweisen neu zu definieren ist hingegen eine komplett andere Angelegenheit.” Claudia Alsdorf, Head of Innovation, KPMG

Synergien zwischen dem Mittelstand und der nächsten Generation

Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern viel mehr Mittel, um die jüngere Generation zu fördern und zu unterstützen. Gerade der Mittelstand verfügt über die nötigen Kapazitäten. Es sind die bekannten Familienunternehmen und deren family offices, wie zum Beispiel Viessmann, bei denen bereits ein Wandel der Denkweise stattfindet. Sie suchen bewusst in der Start-Up-Szene nach verborgenen Juwelen und holen sich Hilfe von Experten, um ein digitales Portfolio zu schaffen.

Der deutsche Mittelstand bringt ein immens großes technisches Fachwissen mit sich, genauso wie eine wichtige kulturelle Struktur und Beziehungen, die Jahrzehnte zurückreichen. Was Deutschland sehr stabil macht, ist die Tatsache, dass viele kompetente Start Ups überall lokal zu finden sind. Nicht nur in Ballungsräumen wie Berlin.

“Der deutsche Mittelstand bringt ein großes Fachwissen und Beziehungen mit sich, die Jahrzehnte zurückreichen. Wenn mehr mittelständische Unternehmen als Pilotkunden neue Produkte mitentwickeln würden, wäre das bereits ein riesiger Schritt vorwärts” – Ange Royall-Kahin, Digitalisierungs Expertin

Es gibt für den Mittelstand auch Möglichkeiten in technischer Perspektive eine Mentorenrolle einzunehmen, ebenso wie in der Vernetzung. Wir sprechen über finanzielle Investments, aber auch über Pilotprojekte. Wenn es gelingt, Unternehmen dazu zu bewegen als Pilotkunden von Start Ups zu fungieren, wäre das ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Aber welche Projekte könnten es sein, die den Mittelstand in genau diese Richtung führen? Die Digitalisierung der Fabriken könnte in den kommenden Jahren die nächste große Welle auslösen.

Auch die Kommunikation zwischen Corporates, Mittelstand und Start Ups könnte noch verbessert werden. Derzeit wird Innovation sowohl von Corporates als auch von Unternehmern und Tech-Talents vor allem im Ausland vermutet.

“Das Problem ist, dass Corporates wie Daimler, Innovation-Hubs in Tel Aviv eröffnen und deutsche Gründer nach Silicon Valley gehen auf der Suche nach Geldgebern. Hier fehlt eindeutig die Verbindung.” – Mali M. Baum, Wlounge

Die Struktur umkrempeln steht an der Tagesordnung

Die größte Schwierigkeit für mittelständische Unternehmen ist der Wandel der eigenen Firma und wie sie innerhalb der Wirtschaft, die sich rasant verändert, damit zurecht kommen.

Was genau hält Unternehmen zurück? Ein Faktor dafür kann die deutsche Unternehmensstruktur als solche sein. Im Regelfall funktioniert die Organisation von oben nach unten. Funktioniert ein System, wird es beibehalten, da der alte Weg für alle funktioniert. Der Wandel wird dabei nicht bedacht.

Mittelständischen Unternehmen fällt es außerdem schwer sich auf neue Dinge und Innovationen zu fokussieren, weil das Tagesgeschäft an erster Stelle steht. Outsourcen ist eine Alternative, wenn es innerhalb des eigenen Unternehmens unmöglich scheint sich darauf zu konzentrieren. Dabei könnten durch Inkubatoren unter anderem Start Ups diese Innovationsarbeit für Unternehmen leisten. Es fehlt an Fähigkeiten oder die Unternehmen wissen einfach nicht wie sie vorgehen müssen. Wie kann der Mittelstand also das Beste aus der Situation machen und eventuelle neue Wege gehen?

“Mittelständische Unternehmen kämpfen jeden Tag um ihr Tagesgeschäft. Es ist schwer sich dabei auf neue Dinge und Innovationen zu konzentrieren. Deswegen müssen sie sich auf das konzentrieren, was sie bereits tun und sich mit der Zeit entwickeln.” – Nikolaus Widmann, MD, Kofler Energies

Um einen Prozess digitaler zu gestalten, mangelt es in-house vielleicht an IT-Experten oder Entwicklern, die schwer zu rekrutieren sind. Es gibt bespielsweise nicht genug deutschsprachige Entwickler. Wer wettbewerbsfähig bleiben möchte, muss sich anpassen und auch englischsprachige Fachkräfte in Erwägung ziehen. Diese wollen allerdings oftmals nicht in Kleinstädten leben. In so einem Fall muss ein Unternehmen gewillt sein, sich dahingehend zu verändern und beispielsweise ein zusätzliches Büro in Berlin, Barcelona oder einer anderen Großstadt eröffnen.

Wer bequem ist, kommt nicht weiter

“In Deutschland kann kein 2. Google entstehen, wenn alle um 17:30 Uhr nach Hause gehen.” – Nikolaus Widmann, Kofler Energies

Der natürliche Feind der Innovation ist Bequemlichkeit. In Deutschland legt man vor allem Wert auf Sicherheit und einen stabilen Arbeitsalltag. Mit dieser Einstellung, kann allerdings auch keine Weiterentwicklung stattfinden. Derzeit stehen weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer unter Zugzwang, so kann in Deutschland aber wohl kaum ein international erfolgreiches Startup entstehen. Not macht erfinderisch.

“Vielleicht entsteht in Deutschland nicht das nächste Google, es gibt allerdings die Auto1s der Branche, die vollkommen unter dem Radar schwimmen.” – Ange Royall-Kahin, Digitalisierungs-Expertin

Deutsche Bürokratie – Fluch oder Segen für die Digitalisierung?

Ein weiterer Stolperstein ist die typisch deutsche Bürokratie. Es ist üblich sämtliche Informationen über Jahre hinweg aufzubewahren, auch in Papierform. Es ist sogar gesetzlich vorgeschrieben dies zu tun. So gut das System auch sein mag, die Digitalisierung stößt hier auf einige Probleme – egal, um welchen Prozess es sich handelt. Seien es Verträge oder ein einfacher Abwesenheitsantrag.

“Schon die Digitalisierung von den einfachsten Dingen wie der vorbereitenden Lohnabrechnung oder von Abwesenheitsanträgen wirkt für manche Leute beängstigend.” – Anna Juliana Kletzmayr, HeavenHR

Der deutsche Mittelstand ist sich dabei selbst das größte Hindernis, da er selbst an diesen Normen festhält und auch festhalten muss. Wer mit einer Angst an neue Sachen herangeht, wird sich schnell gegen die Veränderung wehren und diese nicht annehmen. Das beginnt beispielsweise bei einfachen Veränderungen wie dem Integrieren neuer Programme:

“Ich wollte Slack, viele Unternehmen nutzen Slack. Dann fand der Betriebsrat es heraus und schickte einen Brief, dass wir es nicht weiter verwenden dürfen. Begründet wurde es damit, dass es keine Zustimmung bezüglich der Daten der Mitarbeiter gab und dass Slack überall nutzbar ist, also auch auf dem Handy. Sprich: Wir wären auch außerhalb der Arbeitszeiten erreichbar.” – Justine Powell, MD, Handelsblatt Global

Eine weitere Hürde für ein Weiterkommen der Digitalisierung ist das Bestehen auf Privatsphäre. Der Wille etwas zu ändern, wird genauso von der Überzeugung auf Privatsphäre und Schutz unserer Daten gebremst. Dabei kann gerade das eine Möglichkeit sein, etwas zu wandeln. Die Überzeugung auf Privatsphäre ist dabei nicht nur fest in den Köpfen verankert, die aktuelle Gesetzeslage spiegelt genau das ebenfalls wider.

“Da ist diese fantastische Gelegenheit mithilfe der deutschen Kultur und Denkweise führend in Bereichen wie Privatsphäre zu werden. Das wird einer der wichtigsten Faktoren in der nächsten Zukunft.” – Darius Moeini, CEO & Digitalisierungs Experte, Numa Berlin

Aktiv am Ball bleiben zahlt sich aus

Letztendlich bleibt zu sagen, dass die Digitalisierung in Deutschland noch lange nicht abgeschlossen ist und wir uns in einem Umbruch befinden. Wenn der Mittelstand sich dabei nicht aktiv von selbst einbringt, kann die Wirtschaftswelt sich nicht weiter entwickeln und verschenkt damit eine Bandbreite an Potenzial, welches längst vorhanden ist und nicht genutzt wird.

Anmerkung: Eine sehr inspirierende Paneldiskussion – es war mir eine Ehre ein Teil davon zu sein. Auch wenn die Meinungen sehr unterschiedlich waren, sind wir uns doch alle einig, dass die Digitalisierung des Mittelstands eine spannende Aufgabe ist, die uns sehr viel Spaß macht. Um es mit Anges Worten zu sagen: We all believe in Mittelstand. 

von Anna Juliana KletzmayrElien Rijnbeek & Sophia Scheffler von HeavenHR

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