Warum Quiet Quitting kein Problem für HR sein sollte

Seit dem Sommer 2022 wird heiß über den Trendbegriff “Quiet Quitting” diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt erschien nämlich ein Video auf TikTok, das dieses Phänomen zum ersten Mal aufgriff. Seitdem gibt es auch in Deutschland die Sorge, dass Quiet Quitting zu einer großen Kündigungswelle führt. 

Doch was ist Quiet Quitting eigentlich? Was ist der Unterschied zur inneren Kündigung? Und warum sollten Personaler:innen und Expert:innen diesem Trend nicht allzu viel Beachtung schenken? Nachfolgend lesen Sie die Antworten.

Quiet Quitting: Definition eines Trends

Der Begriff Quiet Quitting ist sehr schnell erklärt: Es ist der Dienst nach Vorschrift, die stille Kündigung. Aber nicht die Kündigung in dem Sinne, dass Ihre Mitarbeiter:innen ihre Verträge reihenweise kündigen werden. Sie entscheiden sich schlicht dafür, nicht mehr die „Extrameile zu gehen” bzw. über die im Vertrag vereinbarten Stunden zu arbeiten, ihre Mails am Wochenende zu checken oder Anrufe im Urlaub anzunehmen. Quiet Quitting ist also vielmehr als Kündigung gegen Mehrarbeit zu verstehen.

Hierbei geht es darum, Arbeit nicht mehr in den Mittelpunkt des Lebens zu setzen, sondern sie als das zu sehen, was sie ist: Arbeit, für die Arbeitnehmer:innen entlohnt werden, um ihr Leben zu finanzieren. Oftmals hat Quiet Quitting in anderen Artikeln die Definition der “inneren Kündigung”. Hier gibt es aber gravierende Unterschiede.

Quiet Quitting hängt aber entscheidend mit der Great Resignation, also der großen Kündigungswelle, in Deutschland zusammen. Was Sie gegen Fluktuation in Ihrem Unternehmen machen können, verraten wir Ihnen an anderer Stelle.

Unterschied: Quiet Quitting ist keine innere Kündigung

Quiet Quitting ist nicht das Gleiche wie “innere Kündigung”. Dieser Begriff hat nichts mit dem TikTok-Trend zu tun. Die “innere Kündigung” tauchte erstmals Anfang der 1980er auf und beschreibt einen Prozess, der letztendlich zur Kündigung – durch den/die Arbeitnehmer:in oder den/die Arbeitgeber:in – führt. Die innere Kündigung kann mit Quiet Quitting starten, muss sie aber nicht. 

Am Ende ist die “innere Kündigung” eher der stille und vor allem bewusste Entschluss eines Mitarbeiters bzw. einer Mitarbeiterin, weniger bis gar keine Leistungsbereitschaft mehr zu zeigen. Häufige Folgen sind vermehrte Krankmeldungen, ausbleibende Beteiligung, Kritik und negative Kommentare sowie Klagen und sogar Arbeitsverweigerung.

Quiet Qutting ist etwas anderes als die innere Kündigung. Letzteres führt nämlich zum Ausschied aus der Firma.
Quiet Qutting ist etwas anderes als die innere Kündigung. Letzteres führt nämlich zum Ausschied aus der Firma. (Quelle: 89Stocker / Canva.com)

Quiet Quitting und seine Bedeutung für den Arbeitsmarkt

Beim Quiet Quitting setzen Mitarbeiter:innen also bewusst Grenzen zwischen dem, was zu ihrem Aufgabenbereich gehört und was nicht. Optionale Meetings oder Teamevents werden abgelehnt, die Extrameile wird nicht (mehr) gegangen. 

Das klingt für Arbeitgeber:innen erst einmal schockierend. Doch das Fazit daraus ist simpel: Wenn sich Arbeitnehmer:innen ganz bewusst und selbstständig weniger Mehrarbeit aussetzen, bedeutet das auch weniger Stress, ein niedrigeres Risiko, an einem Burnout zu erkranken und damit lange auszufallen. Spielt Quiet Quitting Unternehmen dann nicht sowieso in die Karten?

Ist Quiet Quitting schon in Deutschland angekommen? Auf jeden Fall wachsen die mentalen Probleme der Mitarbeiter:innen.
Ist Quiet Quitting schon in Deutschland angekommen? Auf jeden Fall wachsen die mentalen Probleme der Mitarbeiter:innen. (Quelle: AndreyPopov / Getty Images)

Die deutsche Arbeitskultur ist natürlich eine andere. Hier gehören Überstunden “zum guten Ton”; hier müssen Mitarbeiter:innen noch zeigen, dass sie engagiert sind. Aber das eben auch zu einem hohen Preis: Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich ausgebrannt und will einen neuen Job (Quelle: Thinktank von u.a. Slack / futureforum.com). Etwa 12 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Deutschland leisten regelmäßig Überstunden, davon sind etwa ein Viertel unbezahlte Überstunden (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Wird in Deutschland bereits still gekündigt?

Aber ist der Trend vom Quiet Quitting in Deutschland angekommen? Jein, denn nur bestimmte Personengruppen genießen das Recht darauf, nur Dienst nach Vorschrift zu leisten. Innerhalb der Generation Z und unter den jüngeren Millennials gibt es immer stärker werdende Rufe nach einer guten Work-Life-Balance und weniger Überstunden. Sie stellen die traditionelle deutsche Arbeitsweise infrage. 

Die größte Kritik an dem Trendbegriff: Wer einen unbefristeten bzw. sicheren Job hat, kann sich Quiet Quitting “leisten”. Menschen mit Behinderung, People of Color oder anders benachteiligte Personengruppen werden hier ausgeklammert. Sie haben nicht die privilegierte Ausgangssituation, nur Dienst nach Vorschrift zu arbeiten. 

Wie sieht es das Gesetz? Kann der Dienst nach Vorschrift abgemahnt oder anderweitig abgestraft werden? Nein, denn in der Regel arbeiten die Mitarbeiter:innen ihre vertraglich geregelten Stunden. Sollten im Vertrag Überstunden fest vereinbart sein, können Sie arbeitsrechtliche Schritte einleiten. Ist das nicht der Fall, gibt es keinen Anspruch und keine Grundlage, dass Ihre Mitarbeiter:innen mehr tun müssen. 

Die Folgen und Tipps dagegen

Quiet Quitting wird als großes Problem dargestellt – oftmals, weil es mit der inneren Kündigung gleichgesetzt wird. Stattdessen kann die stille Kündigung nur der erste Schritt der inneren sein. Sie sollten also unbedingt auf die Entwicklung achten bzw. Ihre Teamleiter:innen und Vorgesetzten so schulen, dass sie ein gutes Auge dafür entwickeln.

Auch beim Quiet Quitting gibt es noch eine größere Bedeutung: Unzufriedene Mitarbeiter:innen teilen oft ihren Unmut mit Kolleg:innen. Das kann das gesamte Arbeitsklima in einem Team und auch über Abteilungen hinweg vergiften bzw. letztendlich zerstören.

Doch nicht immer zieht das Quiet Quitting gravierende Folgen nach sich. Sollte aber aus “Dienst nach Vorschrift” mehr werden, müssen Sie handeln. Nur wie?

  • Quiet Quitting entsteht nicht einfach so. Ihre Mitarbeiter:innen sind nicht mehr zufrieden. Das kann an vielen Punkten liegen. Wenn Sie nicht schon Umfragen unter Ihren Mitarbeiter:innen eingeführt haben, sollten Sie spätestens jetzt darüber nachdenken. Fragen Sie ganz einfach und anonym ab, wie die Zufriedenheit in Ihrem Unternehmen aussieht. Danach können Sie handeln. 
  • Finden Sie heraus, woher die Unzufriedenheit kommt. Regelmäßige Feedbackgespräche fördern oft Herausforderungen zutage, die Sie angehen können.
  • Führen Sie Benefits, die wirklich etwas bewirken, ein. Quiet Quitting und Mitarbeiter:innengesundheit hängen oft zusammen. Denken Sie also über Vorteile für Ihre Mitarbeiter:innen nach, die die Gesundheit fördern. Einige Benefits sind sogar steuerfrei. Eine Auswahl davon finden Sie in unserem Blogartikel zu steuerfreien Geschenken und Vorteilen für Ihr Unternehmen.
Quiet Quitting ist mehr als ein Trend. Mit glücklichen Mitarbeiter:innen senken Sie die Wahrscheinlichkeit auf den Einzug in Ihrem Unternehmen.
Quiet Quitting ist mehr als ein Trend. Mit glücklichen Mitarbeiter:innen senken Sie die Wahrscheinlichkeit auf den Einzug in Ihrem Unternehmen. (Quelle: shironosov / Getty Images)
  • Ein weiteres Problem ist die Vergütung. Werden Mitarbeiter:innen schlecht entlohnt oder fühlen sich zumindest so, kann das auch zu Quiet Quitting führen. Denken Sie also darüber nach, wie Sie Ihre Beschäftigten fair entlohnen können.
  • Denken Sie über Weiterbildung Ihrer Führungskräfte nach. Ein schlechtes Verhältnis zum bzw. zur Vorgesetzten ist ebenfalls ein häufiger Kündigungsgrund. Aus diesem Grund sollten diese Personen im Unternehmen besonders geschult werden. Vor allem sollten sich Führungskräfte auch stärker ihrer Vorbildfunktion bewusst werden: Beantworten sie E-Mails im Urlaub oder schreiben berufliche Nachrichten spät in der Nacht, kann das Druck beim Team erzeugen und die Motivation sinkt. Hier muss also eine Mitarbeiter:innenkultur eingeführt werden, die den Mensch in den Fokus setzt.
  • Führen Sie hybride Arbeitsmodelle ein, bei denen Ihre Mitarbeiter:innen flexibel arbeiten können.

Spezialisiert auf New Work und die Digitalisierung der HR-Welt schreibe ich gern News und Tipps für alle Personaler:innen.

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